Autos raus - Leben rein in die Stadt

10/1991 | von Michael Lucan

"Widerstand gegen die Blechlawine", dieses Motto des Aktionsforums Stadtverkehr war Hintergrund der Kundgebung mit Straßenfest und anschließender Radldemo am letzten Samstag (26. Oktober 1991) am Stachus.

Autos raus - Leben rein in die Stadt" (gekürzte Version für Telefonradio) von Michael Lucan


"Autos raus - Leben rein in die Stadt" (gekürzte Version für Telefonradio) von Michael Lucan
SprecherInnen: Susanne Amtsberg, Michael Lucan und Marion Rahlfs


Sambagruppe Aleghria vor dem Podium am Stachus

Nicht als Schikane für die ohnehin schon gestressten Autofahrer war diese Aktion gedacht, sondern als eine weitere Maßnahme des Aktionsforums, dass sich als Sprachrohr der vom Straßenverkehr Betroffenen versteht, die der Forderung nach dringend notwendigen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen in München mehr Druck verleihen und ein entsprechendes Bewusstsein schaffen sollte.


Einladung zum Herbst-Aktionstag
"Autos raus - Leben rein in die Stadt"
am 26.10.1991

Uta Dobler vom Aktionsforum Stadtverkehr:

"Als Radfahrerin habe ich zahlreiche konkrete Forderungen an Gesetzgeber, Straßenplaner, Stadtplaner und so weiter.

Zum Beispiel:


Der echt Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn

Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn:

"Ja, weil mir alle a so gern Radl fahr'n.
Ja, weil mir alle so große Rüapeln san,
drum fahr'n ma durch die Münchner Stadt,
die für uns koane Regeln hat.
Ob's regn't, ob's stürmt, ob's schneit:
Mir san jederzeit bereit."

Dr. Klaus Hahnzog (MdL, SPD): "Diese Stadt darf nicht mehr für die Autos da sein, sondern sie muss für die Menschen da sein.

Das ist ein mühsamer Prozeß, das weiß ich natürlich. Das Rathaus hat ja die Parkplätze hinterm Marienhof weitgehend weggetan. Aber dieser Landtag, dem ich jetzt angehöre, baut für 30 Millionen 166 Parkplätze. Ein Irrsinn sondersgleichen, wo 200 m davon die U-Bahn ist. Und dann habens ganze 11 Radlparkplätze, am Landtag, die da stehen, und dann ... stehen gottseidank mehr Radl da, aber die stehen wieder in der Grünanlage."

Soweit Dr. Klaus Hahnzog, ehemaliger "Radl-Bürgermeister", jetzt Landtags-Abgeordneter der SPD, der als letzter Redner sprach, und daher viele Dinge, die andere schon erwähnt hatten, nicht mehr aufgriff.


Verkehrsinfarkt am Stachus

Vor ihm sprach Joachim Lorenz, Mitglied der Stadtratsfraktion der Grünen im Münchner Rathaus, unter anderem über den "Sonnenpark" für die Innenstadt, auch eine Forderung des Aktionsforums Stadtverkehr:

"Dass das Aktionsforum heute hier an diesem Platz diese Straßensperrung gemacht hat, ist kein Zufall.

Wir in der Grünen-Stadtratsfraktion haben vor einem guten halben Jahr einen Antrag gestellt, dass die Sonnenstraße vom Stachus bis zum Sendlinger Tor auf dieser Seite völlig aufgelassen wird und in einen Fußgänger-Boulevard umgewandelt wird und neben den Straßenbahnschienen eine 5 m breite Fahrradstraße gebaut wird.

Dieser Antrag wird im Augenblick bearbeitet in der Verwaltung, aber ich kann Euch und Ihnen leider nicht sagen, in welcher Richtung er bearbeitet wird.

Wir befürchten, dass die Zeit im Stadtrat und vielleicht auch in der Bevölkerung noch nicht ganz reif ist, dass eine solche Straßenrückbau-maßnahme auch wirklich mehrheitsfähig ist.

Gerade deshalb und aus diesem Grund sind solche Aktionen wie sie hier und heute durchgeführt werden ganz, ganz wichtig.

Ich bin dem Aktionsforum auch sehr dankbar, dass es nicht hier die erste Aktion macht, sondern schon mehrere Aktionen in diesem Jahr gemacht hat.

Was für eine Veränderung des Bewußtseins sehr, sehr wichtig ist, ist eben: 'raus zu gehen, Aktionen zu machen, der Bevölkerung auch klar zu machen, dass es Möglichkeiten gibt, das Lebensumfeld und die Umweltqualität erheblich zu verbessern."

Dass es mit dem Lebensumfeld und der Umwelt Qualität in München derzeit nicht zum Besten steht, machte Dr. Matthias Richard, Kinderarzt in München, dem Publikum deutlich:

"Der ständig zunehmende Autoverkehr hat dazu geführt, dass wir heute - vor allem in den Größstädten - eine unerträgliche Zerstörung der Lebensqualität hinnehmen müssen.

Die Großstädte sind, um es mal etwas salopp auszudrücken, zu Autoaufbewahrungs-Anstalten verkommen. Für den Menschen, und vor allem für unsere Kinder, bleibt kein Platz mehr.

Die gesundheitliche Bedrohung der Bevölkerung, und vor allem unserer Kinder, durch den Autoverkehr wächst, und unerträglich viele Menschen, und vor allem Kinder, werden im Straßenverkehr verletzt und getötet.


Spruchband des ADFC auf dem Herbst-Aktionstag

In München werden die wichtigsten krank machenden Abgase wie Stickoxyde, Schwefeldioxyd, Kohlenwasserstoffe und Blei zu etwa 70 bis 100 % durch den Autoverkehr produziert und gebildet.

Ich glaube, uns allen ist ganz klar: Wir können die heutige Verkehrssituation und ihre Folgen nicht länger hinnehmen. Nur drastische und einschneidende Maßnahmen, wie autofreie Städte, Geschwindigkeitsbegrenzung, Ausbau des öffentlichen Personen- und Nahverkehrs, und viele andere Maßnahmen können bewirken, dass unsere Städte und Länder wieder bewohnbar werden, und unsere Kinder ohne gesundheitliche Gefährdung und tödliche Bedrohung aufwachsen können.

Bitte unterstützen Sie alle Bestrebungen, die diese Ziele verfolgen, uneingeschränkt mit Herz und Tat."

Mehr als 200 wackere Radler, die sich trotz kalter Witterung nicht von ihren Zielen abbringen ließen, folgten dieser Aufforderung, indem sie sich auf ihren Radln - eskortiert von der Münchner Polizei - in die Verkehrslawine wagten.

Hannes Bojarski, (Sprecher des Aktionsforums): "Zum Abschluß der Kundgebung, etwa gegen 13 Uhr, wollen wir von hier aus - vom Lenbachplatz - eine Fahrrad-Demonstration durchführen.

Und zwar über Bayerstraße, Paul-Heyse-Straße und Herzog-Heinrich-Straße zur Lindwurmstraße, und vom Sendlinger-Tor-Platz und der Sonnenstraße hierher zurück.

Wir wollen dabei auf das Fehlen ausreichender Radwege und die ständige Benachteiligung durch den Autoverkehr lautstark aufmerksam machen. Dafür gibts übrigens am Infostand von Robin Wood Trillerpfeifen.

Also, alle Radlfahrer oder auch Fußgänger, die Lust haben dazu: pfeift mal dem ständigen Stau hier den Marsch!"

LORA-Infostand, Stachus
LORA-Infostand am Stachus

Wegen Personalmangel bei der eskortierenden Polizei kam der Radl-Demozug streckenweise nur im Schrittempo voran. Wahrscheinlich gelang es deshalb einer Autofahrerin, einem Teilnehmer der Demonstration durch eine Watschn mitzuteilen, was sie von dieser Aktion hielt. Wohl ebensoviel, wie der echt Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn, der zusammen mit der Sambagruppe Aleghria für die musikalische Untermalung der Kundgebung sorgte - und auch hier eben schon kurz zu hören war - im folgenden Gstanzl:

"So a Radl-Demo macha, da muaß i scho lacha.
I lass' lieber kracha, steh' auf andere Sacha.
-ah- Mir ham übrigens eine Platte, gell!"