Mobiler Kriseninterventionsdienst in München

01.04.2001 | von Harald Bischoff

Mobiler Kriseninterventionsdienst in München


Mobiler Kriseninterventionsdienst in München, 14:27

Viele erinnern sich vielleicht noch an die Diskussion, ob der Tier-Notdienst in München mit Blaulicht und Martinshorn zum Notfallpatienten fahren darf. Diese Diskussion wurde nicht etwa auf der Eben "Rettung für mein geliebtes Tier" geführt, dagegen könnte man ja eigentlich nichts haben. Vielmehr ging es darum, wieviel Blaulicht und wieviel Sonderrechte unser Straßenverkehr braucht. Schließlich fahren da schon einige, die wirklich die besseren Argumente haben: die Polizei, die Feuerwehr, der Notarzt, die Stadtwerke und der Technische Hilfsdienst, um nur einige zu nennen.

Nun könnte es sein, dass es irgendwann auch einen Einsatzdienst für psychisch Kranke oder Behinderte geben könnte oder sollte.

Der Stadtrat hat vor einigen Tagen zumindest kritisiert, dass die Notfall-mäßige Versorgung und Betreuung von Menschen in besonderen psychischen Situationen in München unzureichend und mangelhaft ist.

Das Gesundheitsreferat hat dieser Tage einen Bericht zur Lage der Psychiatrie in München vorgelegt, in dem unter anderem festgestellt wurde, dass die Versorgung psychisch Kranker im aktuen Krisenfall nicht oder nur unzureichend gewährleistet ist.

Spätzünder hat sich umgehört und mit Vertretern und Initiatoren des Modellprojekts München Süd gesprochen. Zumindest hier klappt es mit der mobilen Krisenintervention schon seit über einem Jahr und die Nervenärzte und psychiatrischen Fachpflegerinnen und Fachpfleger, die dann ausrücken, kommen ohne Blaulicht und Martinshorn aus.

Der Vorwurf kam letzte Woche aus dem Münchner Stadtrat und richtet sich direkt an den Bezirk Oberbayern. In München fehle es an einem psychiatrischen Krisendienst und der Bezirk Oberbayern sei eigentlich zuständig, so einen Krisendienst zu finanzieren.

Was passiert also, wenn in München einem Menschen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt und was passiert, wenn ein Mensch in einer persönlichen Krisensituation auffällig und betreuungsbedürftig wird?

Wir fragten Dr. Norbert Braunisch vom Verein "Soziale Dienste" in Vaterstetten. Er ist Psychiater und kümmert sich seit Jahren um eine effiziente gemeindenahe Versorgung psychisch gefährdeter und kranker Menschen in München.

Und in unserer ersten Frage wollen wir vom Beispiel des Ziegelsteins, der einem Passanten auf den Kopf fällt, ausgehen und nachfragen welche Hilfeleistungen der Betroffene in München zu erwarten hat.

Es kommt als erstes üblicherweise ja die Polizei dazu. Die Polizei entscheidet: Aha, das ist ein Patient mit einer Kopfverletzung und braucht sofort ärztlich-medizinische Hilfe, schaltet den Rettungsdienst und einen Notarzt ein, und die bringen den Patienten ins Krankenhaus.

Frage: Jetzt kann es ja sein, dass durch diesen Vorfall der Mensch keine Angeben zur Person machen kann, dass er vielleicht einen leicht verwirrten Eindruck macht - und einfach nach Hause gehen will. Was ist dann?

Wenn das der typische Fall ist, der Patient blutet stark, ist benommen, dann wird sicher kein Sanitäter auf die Idee kommen - oder auch die Polizei nicht -, jetzt Maßnahmen nach dem Bayerischen Unterbringungsgesetz zu veranlassen, sondern sie laden den Patienten in den Krankenwagen und fahren ihn in die nächste Chirurgie. Da wird ja nicht groß drüber diskutiert.

Frage: Obwohl das nicht nach seinem Willen passiert? Wenn er nun stur sagt, ich möchte nach Hause?

Da gibt's Begriffe wie "Geschäftsführung ohne Auftrag" oder "übergeordneter Notfall". Ich denke, dass ist rechlich auch abgesichert. Und man kann ja annehmen, dass man im Interesse des Betroffenen handelt und er aufgrund der körperlichen Verletzungen das im Moment selber nicht entscheiden kann.

Frage: Jetzt ein anderes Beispiel. Wenn jemand aus persönlichen Gründen Schwierigkeiten hat, und, sagen wir mal, zuhause zu randalieren anfängt, wenn es sich um einen psychiatrischen Notfall handelt. Was passiert dann?

Im Prinzip erst einmal dasselbe. Das Problem ist nur, dass der Polizist mit dieser Fragestellung, was er jetzt machen soll, natürlich häufig überfordert ist. Er ist ja kein Psychiater. Wie soll er jetzt entscheiden, was mit dem Patienten passieren soll?

Er wird versuchen, natürlich wieder den Rettungsdienst einzuschalten und einen ärztlichen Notdienst. Da kommt jetzt aber auch ein Rettungssanitäter, der auch überfordert ist von der Situation. Und ein Arzt - wenn man ... nicht "Pech hat", aber wenn's halt so läuft -, ist das ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Der weiß dann auch nicht, was er machen soll. Und dann veranlasst man schlicht und ergreifend die Einweisung in eine psychiatrische Klinik, in München üblicher Weise ins Bezirkskrankenhaus Haar.

Seit der Psychiatrie-Reform, die in den späten siebziger Jahren von Italien und England ausgehend auch die Bezirkskrankenhäuser in Bayern erfasst hat, denkt man natürlich anders und fortschrittlicher. Die Patienten sollen eben nicht in die großen anonymen Anstalten eingewiesen werden, sondern sie sollten gemeindenah, möglichst im Kreis der eigenen Familie und in der bekannten Umgebung behandelt und - wenn nötig - therapiert werden.

Also kann es nicht Sinn der Sache sein, mit Polizei und Notarzt den auffällig Gewordenen in das nächste Bezirkskrankenhaus einzuliefern und ihn mit der stigmatisierenden Maschinerie einer stationären Einweisung zu konfrontieren. Was wäre also wünschenswert in dieser Situation?

Dazu noch einmal Dr. Braunisch vom Verein "Soziale Dienste" in Vaterstetten.

Wir wissen, dass gerade bei psychiatrischen Notfällen in bis zu 80 % der Situationen familiäre, partnerschaftliche und sonstige Probleme aufgetreten sind. Und in einer Vielzahl dieser Fälle kann man vor Ort mit den Betroffenen zusammen versuchen, die Situation zu klären und Hilfen herbei zu führen, die nicht primär zwangsweise stationäre Unterbringung darstellen müssen.

Der Druck, einen psychiatrischen Krisendienst ins Leben zu rufen, kommt ja gerade von den Angehörigen, weil, die Mehrzahl der psychisch Kranken, vor allem der chronisch psychisch Kranken, schizophrenen Menschen, leben ja zuhause, bei den Eltern. Und die Eltern erleben, wenn sie mit ihrem Patienten - oder: mit ihrem Familenmitglied - Probleme haben, dass die Polizei kommt, sich überfordert fühlt und den Patienten dann nach Haar bringt, mit allen Zwangsmitteln. Und da resultieren meistens dann längere Aufenthalte, obwohl eigentlich häufig nur ein Streit vorangegangen war, und man auch viele Dinge vor Ort klären könnte. Den Patienten veranlassen könnte, seine Medikamente zu nehmen, mal miteinander zu reden und solche psychiatrisch-fachlichen Dinge ... Wie gesagt, in vielen Fällen kann man das vermeiden, dass dann stationäre Einweisungen vorgenommen werden.

Und diese Krisen, die da passieren, passieren erfahrungsgemäß in Zeiten, wo der niedergelassene Arzt seine Praxis zu hat, wo die sozial-psychiatrischen Dienste nicht besetzt sind, wo einfach keine Hilfen zur Verfügung stehen, außer der in den stationären Krankenhäusern.

Seit einem Jahr gibt es nun tatsächlich einen mobilen psychiatrischen Interventionsdienst in München. Und er funktioniert trotz dürftiger finanzieller Ausstattung zumindest im Münchner Süden. Im Atriumhaus in der Bavariastraße 11 steht dieser Einsatzdienst rund um die Uhr zur Verfügung. Allerdings nur fast rund um die Uhr.

Wir fragten die Geschäftsführerin Stefanie Pfirstinger vom Verein "Soziale Dienste e.V." in Vaterstetten, warum das so ist.

Es ist geplant, das wirklich rund um die Uhr 7 Tage die Woche durchzuführen. Bis jetzt war das leider nicht möglich. Wir haben erstmal mit den Wochenenden angefangen. Wir haben ab 01.11.2000 die Einsatzzeiten ohnehin auf 7 Tage die Woche erhöht. Aber bis jetzt war es aus finanziellen Gründen einfach nicht möglich, das rund um die Uhr zu gewährleisten, weil wir bis jetzt nur eine Personalstellenförderung von der Regierung von Oberbayern und vom Bezirk Oberbayern bekommen haben und es sich im Großen und Ganzen nur um 3 halbe Stellen handelt. Und mit denen war es einfach nicht praktizierbar, einen Rund-um-die-Uhr-Dienst zu gewährleisten.

Frage: Und was sind das für Stellen? Wie sind die Leute qualifiziert, wenn sie nun ausrücken zu so einem Einsatz?

Also, unsere Mitarbeiter und auch die vom Atriumhaus, die an diesem moblien Krisendienst beteiligt sind, sind Sozialpädagogen und Fachkrankenschwestern und Fachkrankenpfleger aus dem Psychiatrie-Bereich.

Wir haben eigentlich großen Wert darauf gelegt, dass die Leute, die bei diesem Projekt beteiligt sind, wirklich Psychiatrie-Erfahrung haben, weil die ja am Telefon schon Krisen erkennen müssen und sich auf die Leute einstellen müssen und das mit Berufsanfängern einfach nicht möglich ist.

Dirk Hauschild ist Leiter des mobilen Kriseninterventionsdienstes München-Süd, der auch tatsächlich ausrückt, um mal einen Feuerwehr-Jargon zu gebrauchen.

Ist es nicht so, dass im Regelfall die Polizei, der Notarzt oder die Feuerwehr tatsächlich überfordert ist, wenn es um akute psychische Krisen geht?

Deswegen sind wir auch froh, dass wir mit der Polizei sehr gut zusammen arbeiten. Wir haben mit allen 5 Polizei-Inspektionen im Sektor Süd von München einen guten Kontakt. Wir gehen in regelmäßigen Abständen zu Schulungen um unseren Dienst auch den Streifen vor Ort vorzustellen, damit diese auch wissen, das wir immer noch eine mögliche Alternative sind, vor einer oftmals nicht freiwilligen Einweisung in eine große psychiatrische Klinik. Und wir werden da sehr gerne in Anspruch genommen, weil für die Polizisten in solchen Situationen oftmals auch - das zeigt die Erfahrung - die Situation nicht richtig einschätzbar ist. Sie sind diesbezüglich garnicht so ausgebildet und sind dann immer froh, wenn sie in Situationen, in denen sie einfach ein schlechtes Gefühl haben uns zu Hilfe rufen können. Wir sind dann schnell vor Ort und erkennen dann oftmals besser, ob es sich da um Menschen handelt, die einfach große Angst haben aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung. Oder ob es sich um Probleme in der zwischenmenschlichen Beziehung mit ihrem Partner handelt. Und wir können dort ganz gezielt und besser Hilfe anbieten, können oftmals vermittelnd wirken und können so dafür sorgen, dass die Situation deeskaliert.

Leider ist es aber manchmal auch so, dass wir vor Ort auch nicht gezielt helfen können und wiederum die Hilfe der Polizei benötigen, wenn es darum geht, dass Patienten die aus unserer Sicht einer dringenden medizinischen Versorgung in einer psychiatrischen Einrichtung bedürfen auch gegen ihren Willen dann dorthin gebracht werden.

Ich kann mich noch ganz gut an unseren ersten Einsatz vor ungefähr einem Jahr erinnern, als wir von einer betroffenen älteren Frau angerufen wurden, die sich Sorgen machte um ihren Mann, der schon seit Tagen nicht aus dem Bett raus kam und überhaupt nicht mehr geredet hat. Nur noch Fernsehen geschaut und sich nicht mehr gerührt hat. Sie war sehr in Sorge und hat erfahren, dass es den mobilen Krisendienst gibt. Selbst hat sie sich nicht getraut anzurufen, aber ihr Sohn war dann so frei, uns zu informieren. Wir sind dann hingefahren und haben uns da vor Ort ein Bild gemacht. Wir haben mit dem Ehemann gesprochen und es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass er auch krankt war, keinen Antrieb mehr hatte und es einfach nicht mehr geschafft hat, irgendwelche Aufgaben im täglichen Leben wahrzunehmen. Er blieb nur noch im Bett liegen und alle - die ganze Familie - waren recht verzweifelt, wie das jetzt weitergehen würde.

Wir haben dann länger mit ihm gesprochen, haben versucht, sein Vertrauen zu gewinnen und es war dann recht schnell klar, dass es schon einer medizinischen Hilfe bedürfte, um ihn wieder auf die Beine zu bringen.

Und nach längerem Überzeugen ist es uns auch gelungen, ihn dann auf einer Krisenstation unterzubringen. Ihm konnte dort in ganz wenigen Tagen - 4, 5 Tage - gut geholfen werden, so dass er dann nur noch zu wöchentlichen ambulanten Terminen in die Klinik musste. Das alles im Münchner Süden, im Atriumhaus. Und er ist seitdem stabil zuhause, lebt mit seiner Frau wieder ganz normal zusammen und beide genießen jetzt ihr Rentnerdasein.

Seit einem Jahr gibt es nun den mobilen Kriseninterventionsdienst in München, der rund um die Uhr unter der Telefonnummer 76 78 11 gerufen werden kann.

Trotz spärlicher finanzieller Ausstattung wird hier, zumindest was den Münchner Süden betrifft, qualifizierte Hilfe geboten. Polizei und Rettungsdienste schätzen diese Einrichtung und die Regierung von Oberbayern ist finanziell für den Ausbau dieser bewährten Einrichtung zuständig.

Wie es denn nun weitergehen könnte, dazu noch einmal Dr. Norbert Braunisch vom Verein "Soziale Dienste" in Vaterstetten.

Wir haben jetzt die glückliche Situation, dass die, die Hilfe leisten wollen, aber nicht können, zum Beispiel psychiatrische Kliniken, der ärtztlich-psychiatrische Notfall-Dienst, das Atriumhaus, der mobile Krisendienst, wer auch immer da beteiligt ist und diejenigen, die Hilfe leisten müssen, aber sich immer mal wieder überfordert fühlen, nämlich die Polizei und die Ordnungsämter und die Kreisverwaltungsbehörde, die dafür zuständig sind, sich an einen Tisch setzen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Und wenn man gemeinsam am Tisch sitzt und Lösungen sucht, kann man auch das Problem der Finanzierung gemeinsam klären.